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Lesen Sie hier, wie Organisationen den GC21 als ihr Instrument für Lernen, den Zugang zu gemeinsamem Wissen und Institutionen-übergreifender Zusammenarbeit nutzen. Lernen Sie die Möglichkeiten einer Partnerschaft mit der GIZ kennen.

Aktuelles

GIZ-Programm ComVoMujer: Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika bekämpfen

Jedes Jahr, am 25. November, wird der Internationale Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen, um an die brutale Ermordung der Mirabal Schwestern 1960 in der Dominikanischen Republik zu erinnern. Es ist kein Zufall, dass dieser Gedenktag während der ersten feministischen Bewegungen in Kolumbien im Jahr 1981 ausgerufen wurde: Latein Amerika ist nach wie vor ein Kontinent, der extrem gewalttätig gegen Frauen ist. Die Zahlen in dieser Region schockieren: Zwischen Januar und Dezember 2010 verzeichnet Peru offiziell 130 Tötungen von Frauen; in Bolivien registrierte das Manuela Observatorium im Jahr 2011 insgesamt 157 so genannte Femizide, und 97 Fälle waren es im Folgejahr. In Quito, Ecuador, ist zwischen 2000 und 2006 von 1831 getöteten Frauen die Rede. Drei bis fünf von zehn Frauen, die in Peru, Ecuador, Bolivien und Paraguay leben sind unmittelbar Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt.

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Der III International Report on Gender Violance vom Institute of Studies on Violence Reina Sofia der International University Valencia (CIU), der die geschlechtsspezifische Gewalt in 45 Ländern zwischen 2000 und 2006 analysiert und vergleicht, ergab, dass sich elf von 14 Ländern, in denen die Femizid-Rate über dem internationalen Durchschnitt liegt, in Lateinamerika befinden; Bolivien und Paraguay sind dabei diejenigen, mit der höchsten Gewaltrate.

Gemäß der UN Women leben 603 Millionen Frauen noch in Ländern, in denen häusliche Gewalt nicht als Verbrechen angesehen wird. Latein Amerika und die Karibik zählen dabei zu den fortschrittlichsten Regionen: Die meisten lateinamerikanischen Länder haben die Belém Do Para Konvention angenommen, die speziell dafür entwickelt wurde, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, zu bestrafen und abzuschaffen. Und diese Länder setzen auf eine Rechtsprechung, die geschlechtsspezifische Gewalt als eine Verletzung der Menschenrechte ansieht. Doch die oben genannten Zahlen zeigen eben auch, dass die Kluft zwischen Gesetz und Realität enorm ist. Um eine Veränderung zu bewirken, genügt es nicht, darauf hinzuwirken, dass das Gesetz angewendet wird, sondern es müssen ebenfalls sozio-kulturelle Veränderungen erfolgen.

Darüber hinaus manifestiert sich geschlechtsspezifische Gewalt über die Grenzen von Kultur, Schichten oder Nationalität hinaus, wie multiethische und multikulturelle Gesellschaften, wie sie es in Lateinamerika gibt, beweisen. Es ist vielmehr ein Problem, das auf strukturelle und historisch bedingte ungleiche Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau basiert. Es nimmt Gestalt an in Gesellschaften, die zutiefst geprägt sind von Patriarchat, Diskriminierung und Rassismus.

Der Einfluss von stark konservativen Äußerungen der örtlichen katholischen Kirche, die soziale und institutionelle Akzeptanz, durch die sich geschlechtsspezifische Gewalt eingebürgert hat, sind nur einige der Faktoren, die ein Entgegenwirken verhindern. Zudem neigen die Berichte darüber dazu, die Größe des Problems zu unterschätzen, aufgrund fehlender Informationen zu dem Thema. Denn häusliche Gewalt wird häufig geheim gehalten und von den Opfern verschwiegen. Es ist keine leichte Aufgabe, diese Frauen aus der Isolation und aus ihrem Schweigen heraus zu holen, insbesondere in Ländern mit hauptsächlich ländlicher und indigener Bevölkerung.

ComVoMujer, ein Programm der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, ist der ambitionierte Versuch, diese Situation zu ändern. Es wurde speziell mit dem Ziel entwickelt, sich auf die Bedürfnisse von indigenen, afroamerikanischen Frauen, die in ländlichen Gebieten von Bolivien, Ecuador, Paraguay und Peru leben, einzustellen. ComVoMujers möchte eine Veränderung in der Mentalität erreichen, um diese Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt schützen zu können und diskriminierende Handlungen, basierend auf Vorurteilen und negativen Klischees, abzuschaffen.

Die Aktionen und Maßnahmen, die als Teil des Programms erarbeitet wurden, verfolgen eine doppelte Strategie: Es sollen einerseits Kapazitäten entwickelt werden, die für die Handelnden relevant sind. Andererseits ist das Ziel, regionale Verträge und nationale Aktionspläne gegen geschlechtsspezifische Gewalt über örtliche finanzielle Hilfen und Unterstützung effektiv durchzusetzen. Dies umfasst auch die Verbesserung öffentlicher und nicht-öffentlicher Dienstleistungen in ländlichen Gebieten sowie die Förderung einer unternehmerischen Kultur, um aktiv gegen Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz vorzugehen.

Ein zentraler Aspekt des Programms ist sein Ansatz zur Förderung von Zusammenarbeit und Partizipation, bei dem „die drei wichtigsten Stützen einer Gesellschaft“, Staat, privater Sektor und nicht-staatliche Organisationen, direkt mit einbezogen werden, um gemeinsam die gesteckten Ziele zu erreichen, wie Christine Brendel, Regionalleiterin des Programms, erklärt. „ComVoMujer basiert auf der Idee, dass nur über die Zusammenarbeit ein so multidimensionales Problem wie genderspezifische Gewalt effektiv und wirksam angegangen werden kann, da seine Lösung unbedingt das Bemühen aller Beteiligten bedarf.“ Für Brendel liegt die oberste Priorität daher darin, eben diese Zusammenarbeit über bestimmte Aktionen zu fördern, die die Beteiligten zusammenbringen, den Dialog und Austausch ermöglichen und die Bildung von Netzwerken voranbringen.

Diese Kooperation findet auf verschiedenen Ebenen statt: Auf nationaler Ebene, unter den zuvor erwähnten Akteuren in den verschiedenen Ländern, auf regionalem Level unter den beteiligten Ländern und auf internationaler Ebene zwischen Deutschland und den involvierten Staaten. ComVoMujer agiert dann als Plattform für einen Süd-Nord-Wissensaustausch. Das Programm, technische Unterstützung und Leistungserbringer für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), bringt seine Erfahrungen ein, systematisiert diese und stellt sie dem deutschen Staat zur Verfügung.

Was das Fehlen von staatlichem Schutz für die Opfer von genderspezifischer Gewalt in diesen Ländern angeht, zeigt ComVoMujer, dass noch viel getan werden muss, und setzt dabei ein breites Spektrum sektorübergreifender Maßnahmen auf allen Ebenen um: So wurden mit Vertretern der Industrie im Rahmen des Programms Abkommen geschlossen, in denen sie sich verpflichten, Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz zu bekämpfen. Zudem hat man Trainingskurse für das Personal in den verschiedenen Einrichtungen der Strafverfolgungsorgane eingerichtet, darunter Polizeistationen, wie die Famliy Protection Brigades von Bolivien, Schutzeinrichtungen für Frauen, Gerichte sowie die Büros der Bezirksstaatsanwälte. Auch Dialog- und Begegnungsprogramme mit lokalen Organisationen wurden geschaffen. Es gab Informationsstände, Möglichkeiten der Rechtsberatung wurden eingerichtet sowie Präventions- und Förderaktivitäten in den Kommunen vorgestellt. In Kooperation mit verschiedenen Frauenorganisationen bekamen Gesetzgebungsprojekte die nötige Unterstützung und Öffentlichkeit und Informationskampagnen auf lokaler und nationaler Ebene wurden entwickelt und gefördert. Dies sind nur einige wenige Beispiele der vielen Aktivitäten und Maßnahmen des Programms.

Ein Beispiel dafür, in welcher Weise sich ComVoMujer auf die indigene Bevölkerung konzentriert ist das audiovisuelle Dokument „Voces de dignidad“, das die Sunu Group für interkulturelles Handeln in Paraguay gerade fertig gestellt hat und das auf ihren Forschungen zu Gender-Wahrnehmung und der Beschäftigung mit Fragen der Gewalt in verschiedenen Gemeinschaften von Ureinwohnern basiert. Mariana Franco, Mitglied der Sunu-Gruppe und beteiligt an den Forschungen, erklärt, dass die Ureinwohner-Gemeinschaften Paraguays dabei zum allerersten Mal überhaupt zu Gender-Aspekten befragt wurden und dass das gesamte Gesprächsmaterial, darunter viele Stunden Interviews, aufgezeichnet wurde.

Als die Gender-Diskussion einmal eröffnet war, kam in allen Fällen das Thema Gewalt auf, ohne Ausnahme, wie Franco berichtet und betont, dass „100 Prozent der Frauen von einem Fall von Gewalt in ihrer jeweiligen Gemeinschaft berichten konnten.“ Unter anderem betont sie, dass die Frauen beklagten, dass ihre Stimmen nicht gehört würden und dass sie dies als eine Form von Gewalt empfinden. „Auch wenn es eine Form der Mitbestimmung gibt, werden ihre Stimmen nicht berücksichtigt.“ Ausgelöst durch die Interviews und die Diskussion über Gender-Belange zeigten die Frauen ein enormes Bedürfnis, mehr über ihre Rechte zu erfahren. Die Forscher stellten fest, dass es konkrete Nachfragen nach Schulungen zu diesem Punkt gab. Franco verwies auch auf das Fehlen staatlicher Maßnahmen in Bezug auf die Bedürfnisse von Frauen in isolierteren Regionen dieser Länder

In der Konsequenz müssen diese Frauen auf kommunale, gemeinschaftliche Gerichtsinstanzen zurückgreifen, doch das ist nutzlos, wie die Frauen erklären: Die Koexistenz von zwei Justizsystemen bedeutet, dass Opfer oft rechtliche Hilf suchen, aber am Ende von beiden Systemen erneut zu Opfern gemacht werden. Denn die kulturellen Normen und kommunalen Rechtssysteme indigener Gemeinschaften unterscheiden sich sehr von den offiziellen Stellen. Dies ist eine der vielen ungelösten Aufgaben, die der Staat angehen muss. Er muss die verschiedenen interkulturellen Regeln angleichen, in verschiedenen Sprachen, um auf die kulturellen und linguistischen Realitäten dieser Länder einzugehen. Und er muss kommunale Projektleiter schulen, die rechtlichen Rat und Informationen zum Thema Frauenrechte zur Verfügung stellen.

ComVoMujer bezieht auch den privaten Sektor mit ein. Denn gendermotivierte Gewalt verhindert eine persönliche ökonomische Entwicklung und damit auch die Entwicklung der Wirtschaft der Region, erklärt Christine Brendel. „Sobald ein Geschäftsmann oder eine Geschäftsfrau sieht, welche Auswirkungen Gewalt gegen Frauen auf ihr eigenes Geschäft hat, verpflichten sie sich, aktiv zu werden für mehr Selbstbestimmung im Rahmen ihrer sozialen unternehmerischen Verantwortung.“ Dies war der Fall bei der Blumenzucht in Ecuador: Dort nahmen Unternehmen gendermotivierte Gewalt-Indikatoren in den Flor-Ec Certification Process auf, schulten ihr Personal und etablierten Wege kritischer Unterstützung, um in Krisensituationen öffentliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Ähnliche Fortbildungslehrgänge wurden in 21 öffentlichen Wasserverteilungssystemen und bei der Fischerei Gesellschaft TASA in Peru durchgeführt.

Der Erfolg von ComVoMujer ist daran messbar, wie sehr Fähigkeiten und Tools bereitgestellt und gestärkt werden, inwieweit in der Region gemeinsame Maßnahmen durchgeführt und angenommen sowie innovative Ansätze generiert werden, um die Gewalt gegen Frauen in den teilnehmenden Ländern zu verringern. Christine Brendel betont, dass die technische Unterstützung des Programms und die Arbeitsprozesse zu mehr Transparenz und einer größeren, wichtigen Wahrnehmung des Themas in der Region geführt haben. Ein Beleg dafür war, dass geschlechtsspezifische Gewalt erstmals in das „Konzept für Lateinamerika“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aufgenommen wurde. Die Erfahrungen und Beispiele, die ihren Ursprung in dem Programm haben, könnten für andere Regionen wichtig sein und damit internationale Zusammenarbeit zu erweitern: Das deutsche Ministerium setzt diese Kompetenzen, nachgewiesenen Beispiele und das gesamte Material dafür ein, um innovative Strategien für künftige Gender-Violence-Projekte zu definieren.

 

Vagamundos: Lehrer engagieren sich für Verbesserung der Bildung in Chile

Lehrer an Schulen in Lateinamerika haben einen anstrengenden Job: Sie müssen sich mit Bildungssystemen auseinandersetzen, die für die tägliche Basisarbeit ungeeignet und unzureichend sind. Und sehr häufig fehlt es ihnen an Zeit oder Vergütung, um eine Aufgabe zu übernehmen, die einen wirklichen Schlüssel zum Erfolg für diese Gesellschaften darstellen. Doch in dieser Region ist es dennoch nicht ungewöhnlich, Lehrer zu finden, die sich äußerst hingebungsvoll der Verbesserung von Bildung widmen. Genau das ist der Fall bei den „Vagamundos“, einer Gruppe chilenischer Lehrer, die seit den vergangenen 15 Jahren auf ehrenamtlicher Basis Wissen vermitteln, mit anderen teilen und neues Wissen erzeugen.

Mónica Bravo Álvarez, eine der Gründerinnen der Vagamundos und seit 23 Jahren Lehrerin in strukturschwachen Gebieten, erklärt, dass der Name auf die Zeit der Salpeterindustrie in Nordchile zurückgeht. Eine Zeit, in der Arbeiter aus dem ganzen Land auf solche aus anderen Ländern trafen, in Kontakt mit der internationalen Arbeiterbewegung kamen und deren Gedankengut wieder mit nach Hause brachten. Bezug nehmend auf den Erwerb und die Anwendung von Wissen fern ab der Heimat gab der chilenische Historiker Gabriel Salzar diesen Arbeitern den Namen „Vagamundos“ (ein Wortspiel basierend auf der Ähnlichkeit zu dem Ausdruck Vagabunden). Um auszudrücken, dass sie sich mit dieser Tradition identifizieren, haben die Lehrer in Chile den Namen für sich selbst angenommen. Oder um es mit den Worten von Bravo Álvarez auszudrücken, die zudem als Mentorin im Schulsystem tätig ist und Mitglied der Schulkonferenz ist: „Das, was einen „Vagamundo“-Lehrer ausmacht ist das Interesse daran, sich an Überlegungen über das Bildungssystem zu beteiligen.“

Vagamundos wurde 1998 gegründet, nachdem eine der ersten Gruppen chilenischer Lehrer von einem Austausch in Deutschland zurückkehrten, der vom chilenischen Bildungsministerium und dem InWEnt/GIZ-Programm für Fachkräfte finanziert wurde. Bravo Álvarez erinnert sich daran, dass das Programm, bei dem die Teilnehmer über zweieinhalb Monate Schulen und Bildungseinrichtungen in Berlin besuchten, inhaltlich enorm umfangreich war, und dass diese Erfahrungen von einem fast magischen Gefühl begleitet wurden. Bravo Àlvarez führt dies auf verschiedene Faktoren zurück. Für viele war es, sagt sie, „die erste persönliche Begegnung mit einem Europa, dass man sonst nur aus Büchern oder aus dem Fernsehen kannte.“ Hinzu kam, dass, anders als bei anderen Austausch-Gruppen, eine besondere Verbindung und Kommunikation hergestellt wurde, entstanden aufgrund der besonderen Aufnahme der Teilnehmer durch die Ansprechpartner des Paulo-Freire-Instituts in Berlin. Laut Bravo Álvarez war die Koordinatorin vor Ort, Ilse Schimpf-Herken, die Schlüsselperson, als es darum ging, den Austausch zu stärken und der Initiative der Vagamundos-Gründer Kontinuität zu verleihen.

Eine weitere Besonderheit dieser Gruppe war, dass sie solchen Aspekten den Vorrang gaben, die den historischen Bezug von Diskussionen und Überlegungen betrafen. Denn diejenigen Pädagogen, die die Diktatur Pinochets noch frisch im Gedächtnis hatten wurden mit der deutschen Nazi-Vergangenheit konfrontiert, erfuhren von den Konzentrationslagern und anderen Relikten des Dritten Reichs. Der Bezug zur historischen Erinnerung wurde zudem dadurch angeregt, dass diese Pädgagogen auf eine weitere Gruppe chilenischer Lehrer trafen, ansässig in Berlin, die während des Pinochet-Regimes in Deutschland im Exil gelebt hatten.

Nach ihrer Rückkehr aus Deutschland sollten die Bildungsexperten ein Projekt an ihrer eigenen Bildungseinrichtung umsetzen, um die Lektionen, die sie während des Austauschs gelernt hatten, vor Ort anzuwenden. Eine Gruppe von Lehrern, die gerade erst zurückgekehrt war, beschloss, noch einen Schritt weiter zu gehen. Sie ergriffen die Initiative und fingen an, informelle, jährliche Treffen zwischen ehemaligen Austausch-Lehrern zu organisieren; 15 Jahre später kommen die Vagamundos immer noch zusammen und schaffen es Jahr für Jahr ein reichhaltiges Programm voller Aktivitäten zusammenzustellen, das verschiedene Lösungsinstanzen mit einbezieht. In den vergangenen Jahren reichte das Angebot unter anderem von Seminaren und Workshops zu den Themen Interkulturalität, Konfliktmanagement, kritische Pädagogik sowie einem Theaterforum bis hin zu neuen Austauschprogrammen und Forschungsprojekten. Zahlreiche Verbindungs- und Kooperationskanäle mit anderen Berufsbildungsvereinigungen sind entstanden. Beispielsweise die Zusammenarbeit mit „Professoren ohne Grenzen“ des Paulo-Freire-Instituts, einer Gruppe von deutschen Pädagogen, die regelmäßig zu verschiedenen Orten in Chile reisen, um dort Workshops und Miniseminare zu halten. Zu nennen ist auch die Publikation des Buchs „Discovering ourselves in the other“ im Jahr 2002 sowie ´das Forschungsprojekt zum Thema „Historisches Erinnern“, das 1999 dem Bildungsministerium übergeben wurde.

Die Vagamundos sind davon überzeugt dass Chiles Bildungssystem das Potenzial zur Transformation fehlt, denn es gelingt nicht, Studenten, die außerhalb des Systems stehen, zu integrieren, was schließlich in sozialer Ausgrenzung mündet. Daher vertreten sie einen kritischen Standpunkt, was die Bildungspolitik in ihrem Land angeht. Als Teil dieser Kritik stellen sie die aktuelle Rolle von Lehrern in Chile von Grund auf in Frage und stoßen dabei auf übliche Praktiken, die überprüft werden müssen – zum Beispiel hyperaktiven Kindern Amphetamine zu verschreiben. Die Vagamundos sehen ihre Überlegungen als Teil einer gemeinsamen Suche nach pädagogischen Strategien in einer globalisierten Welt; Ihre Hauptherausforderung liegt, so Bravo Álvarez, in der „Entwicklung weiterführender Praktiken zur integralen Entwicklung unserer Studenten basierend auf den Werkzeugen die wir im Umfeld der Vagamundos teilen, ohne dabei in erster Linie den Kontext außer Acht zu lassen.”

Der Pädagogin zufolge ist es den Vagamundos gelungen, sich als Gruppe zu konsolidieren aus folgenden Gründen: Zum einen wegen ihrer demokratischen Arbeitsweise, weil sie von einem zum nächsten Ort gezogen sind und über Jahre zusammengearbeitet haben. Und insbesondere wegen ihres „Freiraums“, den sie sich über einen „interkulturellen, pädagogischen Dialog“ schaffen konnten. Interkulturelle Aspekte waren bei den Überlegungen der Vagamundos immer präsent, eben weil die Natur der Gruppe heterogen ist, was beinhaltet, dass die Pädagogen aus allen Teilen Chiles kommen, und weil die Gruppe eine gewisse internationale Außenwirkung hat; ihre Gründung war tatsächlich eng mit dem oben erwähnten Stipendiaten-Programm mit Auslandsaufenthalt für Chiles Bildungsministerium, ein erfolgreiches Beispiel für interkulturelles und globales Lernen verbunden. Und sie war ebenfalls verbunden mit den ersten Kontakten der Gruppe mit einer anderen Realität, Kultur und einem anderen Bildungssystem.

Belege für die Lebendigkeit der Vagamundos sind sowohl Motivation als auch Engagement der Mitglieder. Sie präsentieren sich auf ihren Treffen immer mit „Körper und Seele“. Das mag erklären, warum in der Vergangenheit vergeblich versucht wurde, neue Kommunikationstechnologien innerhalb der Gruppe zu etablieren. Bravo Álvarez erinnert sich an den Versuch, mit Unterstützung von InWEnt/GIZ eine Web-Plattform für die Vagamundos einzuführen, eine Initiative, die viel Begeisterung hervorrief, jedoch erfolglos verlief, weil die Internetabdeckung außerhalb von Santiago begrenzt ist: Der Zugang zu digitaler Kommunikation variiert in Chile von Stadt zu Stadt, daher haben viele Mitglieder keinen Internetzugang.

Tatsache ist aber, dass die persönlichen Treffen die Herausforderungen der Zeit überstanden haben, mehr noch. Sie haben es geschafft, eine Gruppe am Leben zu erhalten, die viele Lehrer im Land erreicht und bereichert. Die Vagamundos-Lehrer haben jüngst Teilnehmer aus 2009, 2011 und 2012 zu einem Treffen mit Teilnehmern der allerersten Austausch-Gruppe eingeladen. Nun, da sich das Thema der Austausch-Reisen vom Streben nach Bildungswerten und -zielen hin zum Lösen mathematischer (Internet)Probleme verlagert hat, wird die Herausforderung eine neue sein und ihren Schwerpunkt auf den Dialog zwischen beiden thematischen Richtungen legen.

Universidad Indígena Intercultural: Gemeinsam Wissen schaffen

Obwohl in vielen lateinamerikanischen Ländern der Anteil der indigenen Bevölkerung hoch ist, wird diese Einwohnergruppe häufig diskriminiert und hat in vielen Bereichen keinerlei Möglichkeiten der Mitbestimmung. Das Bildungssystem ist dafür nur ein Beispiel: Im Durchschnitt erreichen Menschen indigener Herkunft niedrigere Bildungslevel als der Rest der Bevölkerung. Zudem schaffen sie es nur selten, sich über die Grundschule hinaus aus- und weiter zu bilden. Einerseits befriedigt die Art von Bildung, die vom Staat vermittelt wird, nicht die Bildungs- und Weiterbildungsbedürfnisse der Ureinwohner. Andererseits ist in den Lehrplänen für traditionelles, indigenes Wissen kein Platz.

In vielen Ländern hat sich diese Situation verändert, dank des wachsenden Bewusstseins über das multikulturelle Wesen einer Gesellschaft und über die Rechte von Ureinwohner-Gruppen. Eine Reihe von Gesetzesänderungen hat zwar eine größere Beteiligung dieser gefördert. Doch Fakt ist, dass qualifizierte Fachleute selten von indigener Herkunft sind.

Vor diesem Hintergrund und als Antwort auf die Forderungen indigener Organisationen wurde die Intercultural Indigenous University (UII) 2005 gegründet. Die ersten Graduiertenprogramme wurden 2007 auf den Weg gebracht. Ziel der Hochschule, die vom Indigenous Fund mit Sitz in Bolivien gefördert wird, ist es, dazu beizutragen, dass eine Schicht aus indigenen Fachleuten und Führungspersonal entsteht, die das Potential hat, die Rolle von Mitwirkungs- und Entscheidungsträgern einzunehmen, die die Sicht der Ureinwohner widerspiegelt, um Einfluss auf ihre jeweiligen Gesellschaften nehmen zu können. Über ein Netzwerk, das einen Verbund von 26 akademischen Zentren umfasst, nehmen elf lateinamerikanische Länder und Spanien an dieser Initiative teil.

Der Fokus der UII liegt auf interkultureller Bildung, die auf Vielfalt beruht, ein Aspekt, der sich sehr gut in der UII-Studentenschaft wiederspiegelt: Seit 2010 sind mehr als 100 indigene Gruppen und 20 lateinamerikanische Länder unter den Studierenden an der Hochschule vertreten. Kulturelle Vielfalt ist darüber hinaus gemäß der Vision der UII ein integraler Bestandteil ihres Programms – und füllt Inhalte, Methodik und Lehrpersonal mit Leben.

In diesem Sinne ist der IIC, Itinerant Indigenous Chair, ein Kursus und Teil aller Graduiertenprogramme der UII, der innovativste Aspekt dieser Hochschule. Denn dieser Kursus bringt Experten indigener Herkunft an die Universität, Führungspersönlichkeiten, Wissenschaftler und Menschen, die von ihren Gemeinschaften als weise angesehen werden. Als Vertreter der Ureinwohner greifen sie zurück auf partizipative Methoden sowie interkulturelle Ansätze, die die indigene, kulturelle Weltsicht und Spiritualität respektieren, um einen interkulturellen Dialog im Hörsaal anzuregen.

Damit erzeugt der IIC eine integrative Bewegung, die vielfältig ist: Einerseits fördert der Kursus die Einbindung in Hochschulbildung von Personen, Wissen und Erfahrungen als Teil indigener Lebensweise und Kultur , die bislang traditionell vom akademischen Bereich ausgeschlossen wurden, weil sie als „nicht wissenschaftlich“ genug erachtet wurden, da sie den Anforderungen oder der methodischen Genauigkeit/Strenge von Wissenschaft nicht entsprachen; im schlimmsten Fall hatte diese Ausgrenzung ihre Ursache Gründen der Diskriminierung und Rassismus. Der interkulturelle Dialog hat zum Ziel, bei Menschen mit indigener Herkunft ein Bewusstsein über ihre Rolle in der Gesellschaft zu schaffen. Denn dieser Dialog stärkt ihre eigene Identität und Geschichte, indem er bei den betroffenen Personen die Ausbildung eines stärkeren Selbstwertgefühls fördert.

„Bisher ist es uns gerade einmal gelungen, an den Punkt zu gelangen, indigenes Wissen einzubeziehen und darüber zu reflektieren“, sagt Verena Blickwede, Projektmanagerin der GIZ. Sie erklärt, dass ein Teil des Problems darin besteht, dass die Urvölker weit davon entfernt sind, homogen zu sein. Mehr als 600 Gruppen koexistieren in der Region, jede mit eigener Kultur und eigenem Wissen. Der notwendige Ausgangspunkt ist daher, zu akzeptieren, dass Wissen nicht monolithisch ist. „Die Idee ist nicht, dieses Wissen zu verwestlichen oder es mit dem Modell des Westens zu messen – das würde eine Akzeptanz unmöglich machen. Über den Austausch und das Ansammeln indigener Erfahrungen und Weisheit versuchen wir, kollektives Wissen zu entwickeln.“

Anstatt als neue Institution mit eigener Infrastruktur zu entstehen, wurde UII ins Leben gerufen, um bereits existierende Ressourcen zu nutzen. Dies ist möglich, weil ein virtuelles Netzwerk geschaffen wurde, das von Erfahrungen im Bereich Hochschulwissen, der Infrastruktur und Kapazitäten der akademischen Zentren profitiert, mit denen es verbunden ist.

Die Kurse variieren in ihrer Dauer, zwischen vier und 24 Monaten, und haben ein Blended-Learning-Format. Ihre virtuelle Komponente ist der Tatsache geschuldet, dass viele Studenten während des Studiums arbeiten, viele sind in ihrer Gemeinschaft aktiv und können dies nicht aufgeben. Doch diese virtuelle Plattform erlaubt den Austausch indigener Visionen, die ihren Ursprung in verschiedenen Ländern haben, bereichert durch die Internationalität der Studierenden. Dieser Austausch hat in diesem Jahr Priorität, obwohl die UII bisher keine eigene virtuelle Plattform hat.

Die Inhalte, die von UII angeboten werden, sind jene, die von den Ureinwohner-Organisationen als vorrangig angesehen werden. Unter den Kursen, die bereits Teil des UII Graduierten-Angebots sind, sind solche zu Bilingual Cultural Education, Interculturak Health, Indigenious Rights, Strenghtening Indeigenious Womens’ Leadership, Development, Identity und Governance.

Derzeit werden die Kandidaten für die UII von den indigenen Vereinigungen bestätigt und präsentiert. Obwohl von den Studierenden ein akademischer Hintergrund erwartet wird, bietet die UII auch denjenigen, die Möglichkeit, zu studieren, die in ihren Gemeinschaften eine aktive Rolle spielen, einen lokalen Bezug haben oder über Wissen verfügen, das von indigenen Gruppen validiert wurde, auch wenn sie keine akademische Qualifikation haben.

Um lateinamerikanischen Regierungen und indigenen Organisationen qualifiziertes Personal zur Verfügung zu stellen, das sich mit indigenen und interkulturellen Fragestellungen auskennt, unterstützt die GIZ die IUU seit 2005. Über prozessorientierte Beratung und technische Unterstützung vor Ort, die auf die Konsolidierung der angebotenen Kurse zielt, insbesondere der Stärkung der IIC, ist die GIZ verantwortlich für die Konzeption und Design des Lehrplans und das Entwickeln des Trainingsmaterials. Die UII erhält zudem finanzielle Unterstützung von Spanien und Belgien.

Kurz vor ihrem fünfjährigen Bestehen kümmert sich die UII darum, ihr eigenes institutionelles Profil zu entwickeln. Während man plant, international anerkannt zu werden, ist die Akzeptanz in der Region ein nach Blickwede langer Prozess, der ganz oben auf der Liste steht. Der Prozess impliziert, die indigene kulturelle Identität zu übernehmen und auf dieser Basis akademische Annerkennung für das betreffende Wissen und die Weisheit zu erlangen. Die 400 Graduierten zeigen, neben einer Graduiertenrate von 85 Prozent, dass diese ersten Schritte bereits eingeleitet wurden und wahrscheinlich die Anerkennung der UII als Universität in der Region in greifbare Nähe rückt.

UII-Broschüre auf Englisch unter

http://www.reduii.org/apc-aa-files/documentos/items/brochure_2010_1.zip

Afrika ist schon da: Das Programm „Afrika kommt!“ geht in die zweite Runde

„Mein Traum ist es, irgendwann als erste Frau das Ministerium für Handel und Industrie in Ghana zu leiten“, sagt die 34-jährige Sheila Kangberee, die dort als Senior Commercial Officer in der Abteilung für Normung tätig ist. Um diesem Ziel näher zu kommen, nimmt die studierte Wirtschaftsprüferin derzeit am Programm „Afrika kommt!“ teil. Dabei will Kangberee vor allem lernen, Führungsverantwortung zu übernehmen.

Das Programm „Afrika kommt!“ soll einen Grundstein legen für nachhaltige, fruchtbare Wirtschaftskooperationen zwischen Deutschland und Ländern Subsahara-Afrikas. 19 führende Unternehmen in Deutschland haben es vor drei Jahren ins Leben gerufen. Das Programm lebt vom intensiven, praxisorientierten Austausch zwischen jungen, afrikanischen Führungskräften und deutschen Firmen.

Derzeit läuft der zweite Durchlauf von „Afrika kommt!“, mit insgesamt 17 jungen Nachwuchsführungskräften, die bis Juni 2012 an dem Programm teilnehmen. „Ein Durchgang erstreckt sich immer über zwei Jahre“, erklärt Lydia Jebauer-Nirschl, als GIZ-Projektleiterin zuständig für die Programmplanung und -durchführung. „Die jungen Leute kommen dabei aus allen Bereichen, vom Ingenieur aus Ghana, über die Personalerin aus Simbabwe bis hin zum Bankkaufmann aus Kenia“, so Jebauer-Nirschl.

Die GIZ ist für die gesamte Organisation und den Ablauf von „Afrika kommt!“ verantwortlich. Dazu gehört auch die Auswahl der Kandidaten. „Aus 1700 Bewerbungen haben wir über ein Onlineverfahren 570 ausgewählt und den Unternehmen zukommen lassen.“ Von ihnen wurden dann 64 zum Assessmentcenter eingeladen, 17 haben es dann geschafft.

Sie absolvieren sowohl in Afrika als auch in Deutschland zunächst einen mehrmonatigen Deutschkurs. Zudem entwickelt jedes Unternehmen für seinen Teilnehmer ein individuelles Fortbildungsprogramm, etwa zu den Themen Betriebsorganisation, Kommunikation oder Change Management. Auch ein Besuch beim Bundespräsidenten steht auf dem Programm. Die Trainings und Exkursionen sollen die praktischen Erfahrungen, die die Nachwuchskräfte über einen Zeitraum von neun Monaten in den Unternehmen sammeln, vertiefen und die Bildung von Netzwerken voranbringen.

Teilnehmer Brian Mukura absolviert derzeit im Rahmen des Programms ein Praktikum bei der Commerzbank in Frankfurt. In seiner Heimat Simbabwe arbeitet der 31-jährige Bankfachmann bei der Reserve Bank of Zimbabwe. „Ich möchte über, Afrika kommt!‘ Internationale Erfahrung im Bankgeschäft sammeln und meine Führungskompetenz verbessern. Als Banker glaube ich, dass ein solches Wissen der Schlüssel dazu ist, das Banken- und Finanzsystem in Afrika weiterzuentwickeln.“

Teilnehmerin Sheila Kangberee wird ihre Praxiserfahrung in Walldorf bei der SAP AG vertiefen. Sie hofft, über das Programm langfristig ein Netzwerk zwischen ghanaischen und deutschen Unternehmen spannen zu können. „Das Ministerium, für das ich arbeite, ist daran interessiert, dass ich lerne, wie in Deutschland Geschäfte gemacht werden, um mit diesem Wissen zur Umsetzung der Entwicklungsagenda von Ghana beizutragen“, so die 34-Jährige Wirtschaftsprüferin.

Es gibt, so Lydia Jebauer-Nirschl von der GIZ, viele grundlegende Unterschiede, was Unternehmenskultur und Arbeitsalltag in Deutschland und Afrika angeht. „Ich habe selbst in Afrika einige Zeit gelebt, dort trennen die Menschen nicht so strikt wir hier zwischen Arbeit und Privatleben.“ Wer in einer Firma neu anfange, werde nach Feierabend von den Kollegen nach Hause eingeladen. Zudem schüttele man morgens jedem Mitarbeiter die Hand, frage nach seinem Befinden und dem seiner Familie. „Die Teilnehmer erfahren wiederum, dass in Deutschland Pünktlichkeit ein Muss ist und dass Projekte im Vorfeld detailliert geplant werden.“

Die Unternehmen profitieren ebenfalls von dem Austausch. Denn es ist, so Jebauer-Nerschl, für die Firmen viel kostengünstiger, wenn sie in Afrika vor Ort bereits auf qualifizierte Mitarbeiter zurückgreifen können. „Die Idee ist ja, dass die Programmteilnehmer, wenn sie wieder in ihre Heimat zurückkehren, mit den Unternehmen intensiv in Kontakt bleiben und nachhaltige Netzwerke entstehen“, sagt die GIZ-Projektleiterin. Auch Sheila Kangberee will den neu gewonnenen Kontakt weiter pflegen. „Ghanas Motor zur wirtschaftlichen Entwicklung ist der privatwirtschaftliche Bereich. Durch dieses Programm lerne ich aus erster Hand, wie in Deutschland auf vielfältige Weise Handel betrieben wird oder auch, wie man technologisch immer auf dem neuesten Stand ist. Dieses Wissen kann ich an mein Land und Afrika als Kontinent weitergeben.“

Aber auch Deutschland könne auf geschäftlicher Ebene viel von Afrika lernen, etwa welche Unmengen an wirtschaftlichen Möglichkeiten die verschiedenen Länder bieten. „Afrika ist ein Kontinent, der sehr reich an Ressourcen ist, aber nicht die nötige Technologie hat, um diese zu nutzen und davon zu profitieren“, erklärt Brian Mukura. „Andererseits ist Deutschland nicht nur wirtschaftlich und technologisch führend, sondern besitzt weltweit die drittgrößte Wirtschaft, die viele Rohstoffe aus Afrika benötigt. Genau dieser Status quo ist ein guter Katalysator um die gegenseitige Win-Win-Situation und ökologischen Beziehungen zwischen Afrika und Deutschland zu stärken und zu vergrößern.“

„In den Umweltschutz zu investieren, hat positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt“

Angesichts der bedrohlichen Umweltzerstörung und der Tatsache, dass natürliche Ressourcen zunehmend knapper werden, wird die aufkommende grüne Wirtschaft aufgrund ihrer vielfältigen Bemühungen, den Klimawandel aufzuhalten, immer bedeutsamer. Die Förderung des grünen Arbeitsmarktes ist entscheidend bei der Entwicklung hin zu einer grüneren, nachhaltigen Wirtschaft. Dies ist eines der Hauptziele der „Green Jobs Initiative“, eine Gesellschaft, die 2007 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der International Labor Organization (ILO) und der International Trade Union Condederation (ITUC) etabliert wurde.

Die GIZ hat bereits bei vielen Projekten mit der ILO zusammengearbeitet, zum Beispiel beim ersten ECBCheck-Training im International Training Center der ILO in Turin oder aktuell bei einem Projekt in der Ukraine, das sich mit der Prävention von HIV befasst. Im Blickpunkt der GIZ steht in diesem Jahr ebenfalls „Verantwortungsbewusstes wirtschaftliches Handeln – nachhaltige Entwicklung“. Eine grünere Wirtschaft erfordert aber die Kreativität und das gemeinsame Agieren aller involvierter Partner – eingeschlossen Regierungen, Unternehmen, Verbraucher sowie regionale und internationale Organisationen.

Das folgende Interview mit Peter Poschen, derzeit verantwortlich für die Koordination des „Global Green Jobs“-Programms der International Labor Organizations (ILO), erklärt, wie seine Organisation verschiedene Entscheidungsträger einbindet, um auf eine grünere Wirtschaft hinzuarbeiten. Poschen hat mehr als 25 Jahre Erfahrung auf vier Kontinenten im Bereich nachhaltiger Entwicklung und legt dabei den Fokus auf die gesellschaftlichen Dimensionen bei der Verwendung natürlicher Ressourcen. Er arbeitet seit 1986 für die ILO und ist dort auch Leiter der Abteilung Arbeitsbeschaffung und Unternehmensentwicklung. Der 56-jährige ist Doktor der Philosophie, diesen Titel hat er an der Universität Freiburg erworben, und hat zudem einen Abschluss im Bereich Ökonomischer Modellierung und Nachhaltiger Entwicklung.

Herr Poschen, wie hat der grüne Arbeitsmarkt den Schritt von einer „ökologischen Utopie“ hin zur Realität vollzogen?

Es gab eine Änderung in der früheren Wahrnehmung. Die besagte, dass Umweltschutz zwingend mit Abstrichen verbunden ist, dass er schlechte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hätte. In den vergangenen fünf Jahren hat sich diese Behauptung als Mythos entpuppt. Politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit haben zunehmend realisiert, dass es für den Arbeitsmarkt positiv ist, in den Umweltschutz zu investieren. In der Bilanz sehen wir, dass sich ein positiver Effekt auf den Beschäftigungsmarkt abzeichnet, in allen Ländern, die wir untersucht haben. Neben den unmittelbaren positiven Auswirkungen auf die Umwelt kann auch der Nettogewinn im Beschäftigungsbereich ziemlich bedeutsam sein. Wenn zum Beispiel Arbeiter grüne Energie produzieren, hat das gleichzeitig positive Auswirkungen auf andere Bereiche. Oder wenn etwa Arbeiter Stahl für eine Windmühle produzieren.

Und es gibt noch etwas, das besonders interessant ist: einen wirtschaftsrelevanten Effekt: Für jeden Dollar, den Sie für Energie ausgeben, werden nur wenig neue Arbeitsplätze geschaffen, um andere Produkte und Dienstleistungen einzukaufen. Wenn Sie Energie sparen oder durch den Umstieg auf erneuerbare Energien Importe von fossilen Brennstoffen vermeiden, steigt die Nachfrage nach arbeitsintensiveren Produkten und Dienstleistungen. Doch das wichtigste Ergebnis ist, dass Sie sich nicht entscheiden müssen, ob Sie die Umwelt schützen oder Arbeitsplätze schaffen wollen. Sie können beides gleichzeitig tun.

Was sind die Hauptziele und -herausforderungen ihrer Abteilung als Teil der ILO?

Unser Ziel im Green Jobs-Programm ist es, einen Beitrag zu wahrhaft nachhaltiger Entwicklung zu leisten und an der Verbindung zwischen menschenwürdiger Beschäftigung, wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Nachhaltigkeit zu arbeiten. Problematisch ist, dass sich ein Teil der Debatte ausschließlich auf die Kosten konzentriert hat, aber kaum auf den Nutzen. Ein größeres Bewusstsein darüber, dass eine grünere Wirtschaft zur besseren Gesundheit, mehr Beschäftigung und sozialen Eingliederung beitragen kann, kann helfen, Industrie- und Entwicklungsländer einander näher zu bringen. Die Herausforderung besteht darin, dass dies ein sehr großer, komplexer Bereich ist. Wir brauchen viel mehr analytische Arbeit, um all die Dinge in die Praxis umzusetzen, die wir bereits kennen. Wir sind besonders erfreut über Brasilien, ein Land, das eine große Anzahl an Grüne Jobs-Ideen aufgegriffen hat.

Welche Maßnahmen hat Brasilien eingeführt?

Die Regierung hat damit begonnen, den Wohnungsmangel mit einem besonderen Sozialen Wohnungsbauprogramm für sehr arme Familien anzugehen. Die Wohnungen mit Solarheizungen zu versehen, macht einen großen Unterschied: Diese liefern viel mehr heißes Wasser und signifikante Einsparungen für die Familie, verursachen zugleich weniger Emissionen und Kosten für die Gesellschaft. 240.000 Häuser werden damit ausgestattet, um armen Menschen Zugang zu kostengünstiger und sauberer Energie zu ermöglichen. Ein gutes, praktisches Beispiel für soziale Eingliederung. Eine andere interessante Initiative ist das neue Abfallwirtschaftsgesetz: Es geht das wachsende Abfallproblem an, will aber zugleich die existierenden „Müll-Plünderer“ in die Recyclingwirtschaft integrieren, indem es die Qualität von Arbeitsplätzen und das Einkommensniveau verbessert. Die dritte Maßnahme war die Einführung der ILO-Richtlinien über das Waldschutzgesetz am Amazonas. Brasilien hat eine große Wirtschaft und Bevölkerung, aber die meisten Emissionen entstehen durch Abholzung. Die Richtlinien beinhalten sowohl die Einhaltung von Umwelt- als auch von Beschäftigungsstandards und fördern eine nachhaltige Forstwirtschaft.

Was ist Ihre Aufgabe als Leiter der Abteilung für Unternehmensentwicklung bei der ILO?

Unsere Aufgabe ist es, die Unternehmensentwicklung zu fördern: Wir helfen den Unternehmen, sich zu etablieren, bieten Trainings und technische Unterstützung. Zudem unterstützen wir Länder darin, unterstützende Dienstleistungen zur Geschäftsentwicklung, Zugang zu Technologien, politische Beratung und Capacity Building anzubieten. Wir legen einen Schwerpunkt auf das Unternehmertum von jungen Menschen und von Frauen, denn sie sind wichtig für die Wirtschaft. Zudem fördern wir Arbeitsplatzpraktiken, die sowohl aus sozialer als auch aus ökologischer Sicht verantwortungsvoll und nachhaltig sind.

Wie war die Resonanz der Länder?

Der Report aus 2008 „Grüne Arbeitsplätze: Auf dem Weg zu menschenwürdiger Beschäftigung in einer nachhaltigen, kohlenstoffarmen Welt“ löste einen Tsunami an Interesse aus, gefolgt von dem steigenden Bewusstsein, dass Umweltschutz eine Notwendigkeit ist, die zu einer Chance werden kann. Viele Länder fragten uns, ob wir ihnen dabei helfen könnten. Interessant ist, dass wir länderübergreifend ähnliche Erfahrungen machten. Denn in all diesen Fällen stellt sich der Nachhaltigkeitsaspekt ausnahmslos als sehr relevant heraus. Und es ist immer möglich, interessante Gelegenheiten zu ermitteln, in die die Länder investieren wollten. Dies sind normalerweise zwei oder drei Sektoren, die von Land zu Land unterschiedlich sind.

In welchem Verhältnis steht die Industrie für Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) und für digitale Dienstleistungen zu grüner Beschäftigung?

Dies ist einer der Bereiche, der schwer zu fassen ist. Einige Bereiche grüner Beschäftigung sind einfach zu erkennen, wie Arbeitsplätze für Erneuerbare Energien oder nachhaltige Transportsysteme. Aber da gibt es eine andere, weniger offensichtliche Gruppe, zu denen IT-Manager, Facility- und Logistikmanager oder Angestellte im Bereich Beschaffung gehören und andere, deren Entscheidungen einen großen Einfluss auf den Gebraucht von Ressourcen machen. Der systematische Gebrauch von ICT in Gebäuden, Fabriken, beim Transport etc. könnte den Ausstoß von Treibhausgas um etwa den Ausstoß der USA, einem der weltweitgrößten Treibhausgasproduzenten, verringern.

Alle UN-Agenturen, die ILO eingeschlossen, arbeiten an dem Ziel, die Emissionen zu neutralisieren. Das beinhaltet die vermehrte Anwendung von Skype, Telefonkonferenzen und Videolinks. Um die Emissionen zu verringern, führen wir derzeit viele Interviews, indem wir auf Informations- und Kommunikationstechnologien zurückgreifen, anstatt zu fliegen, wie wir es früher taten. Generell müssen wir begreifen, dass es keine Silbermedaille dafür gibt, ökologische Nachhaltigkeit zu erreichen. Viele Maßnahmen müssen einfach ergriffen werden.

Welche werden die offensichtlichsten Veränderungen des Arbeitsmarktes in der Zukunft sein?

Der Arbeitsmarkt vieler Länder verschiebt sich. Der grüne Sektor wächst und zieht junge Leute an. Die Profile zahlreicher bestehender Arbeitsplätze in einer Reihe von Sektoren ändern sich. IT-Ingenieure oder Beschaffungsmanager gehören zu den unsichtbaren Arbeitskräften im Umweltschutz – und alle diese Menschen werden einen Umweltaspekt in ihre Profile einbauen müssen, sie müssen in der Lage sein, das umzusetzen. Beschaffungsmanager zum Beispiel müssen lernen, dass IT-Müll sehr giftig ist und dass Standby-Funktionen viel Energie verbrauchen

Welche Rolle spielt Bildung und E-Learning in diesem Bereich?

Ich glaube, dass E-Learning ein wichtiges Medium ist, um neue Fähigkeiten zu lernen, das geht auf diese Weise schneller, als ohne E-Learning. Eine der größten Überraschungen, die uns der Bericht von 2008 brachte, die aber nie veröffentlicht wurde, war, dass er in den ersten sechs Monaten seiner digitalen Veröffentlichung 750.000 Mal von den UNEP- und ILO-Webseiten heruntergeladen wurde. Das war eine enorme Reaktion auf einen Bericht, der ja nicht für jeden geeignet ist. Wir unterhalten eine Internetpräsenz, die zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Wir sehen diese Entwicklung auch in unserem Asien-Netzwerk, in dem Blended Learning-Kurs, den das International Training Center (ICT) in Turin veranstaltet, mit Kursen im Bereich grüne Arbeitsplätze und lokale Wirtschaftsentwicklung, zudem über die UN-Lernplattform zum Klimawandel. Die Trainingskurse im Bereich Green Jobs haben eine E-Learning-Komponente. Ein Kurs für Gewerkschaftsangehörige in Latein Amerika erfolgt vollkommen online. In Asien, unserer am meisten entwickelten Region, ist die Online-Plattform sehr aktiv und die Gründung einer CoP Informationsbank ist in dieser Region eine Selbstverständlichkeit. Es gibt zudem private zivile Initiativen, die im Netz wachsen, solche wie das US Netzwerk „Building pathway for green workforce“. Aber einige Sektoren sind vom speziellen Handel abhängig. Für praktische Fertigkeiten, wie beim umweltbewussten Bauen, ist die direkte Interaktion unerlässlich. Eine Kombination aus Theorie und Praxis ist wohl am geeignetsten.

Für wirtschaftliche Gleichstellung, gegen Armut: Das GIZ-Programm CHANCE unterstützt Unternehmerinnen in Entwicklungsländern

In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern haben es Frauen besonders schwer, im Arbeitsleben Fuß zu fassen, insbesondere dann, wenn sie sich als Unternehmerinnen selbständig machen wollen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass ihnen vor Ort kompetente Ansprechpartner fehlen, die Sie bei der schwierigen Existenzgründung unterstützen.

„Oft sind Unternehmerinnenverbände in Entwicklungsländern nicht optimal aufgestellt und ihr Dienstleistungsspektrum bietet Raum für Verbesserungen“, sagt Inge Meier-Ewert, Projektleiterin des GIZ-Programms CHANCE (Chamber and Advisory Network And Cooperation For Women Entrepreneurs). Viele grundlegende Fragen, zum Beispiel „Wie erstelle ich einen Businessplan?“ oder „Wo und wie bekomme ich günstige Kredite?“, bleiben damit unbeantwortet. Die Frauen werden mit ihren Problemen häufig alleine gelassen. „Von einem besseren Dienstleistungsangebot profitieren die Unternehmerinnen also ganz wesentlich“, so Meier-Ewert.

Daher setzt das GIZ-Programm CHANCE genau dort an. Sein Ziel ist es, die Unternehmerinnenverbände in Afrika, Asien und Indien nachhaltig zu stärken, weiterzubilden und zu vernetzen. Damit will CHANCE einen Grundstein legen für eine verstärkte wirtschaftliche Partizipation von Frauen in Entwicklungsländern. Denn diese ist sowohl eine wichtige Voraussetzung für Gleichstellung als auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Bekämpfung von Armut. „Die Verbände sollen zu kompetenten Multiplikatoren werden, um sich selbst und ihre Mitglieder dauerhaft weiterzubilden und einen intensiven Austausch untereinander zu fördern“, sagt Meier-Ewert.

Um dies zu erreichen, agiert CHANCE auf drei Ebenen: national, regional und international. „Auf nationaler Ebene suchen wir den direkten Kontakt zu Verbänden wie zum Beispiel der Business Women Association South Africa und fragen nach, welche Trainings zu welchen Themen konkret gebraucht werden“, erklärt die Projektleiterin Inge Meier-Ewert. „In Südafrika haben wir unter anderem einen Trainerpool gebildet und ein „Training of Trainers“ durchgeführt.“

Das Fortbildungsangebot von CHANCE ist dabei breit gefächert, denn die Situation der Verbände und ihre Weiterbildungsbedarf sind in den einzelnen Staaten sehr unterschiedlich. Während Länder wie Tansania oder Sambia noch viel Aufbauarbeit benötigen, ist Südafrika mit seiner Women Association South Africa dagegen sehr gut aufgestellt. Dort gibt es viele erfolgreiche Unternehmerinnen in sämtlichen Hierarchieebenen. Auch die Association of Lady Entrepreneurs of Andra Pradesh (ALEAP) in Indien ist zum Beispiel sehr aktiv. So hat ALEAP ein riesiges Areal von der Regierung gepachtet, um darauf einen Business Park für Unternehmerinnen zu schaffen. Dort können die Frauen ihr Geschäft aufbauen und entwickeln. In einigen Ländern ist Frauen sogar der Grundbesitz verwehrt. Doch ohne Eigentum fehlen ihnen die Sicherheiten, um einen Kredit zu bekommen.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, sind starke Verbände, die wichtige Hilfestellung leisten, unerlässlich. Dazu tragen eine breite Vernetzung und ein intensiver Austausch der Organisationen untereinander maßgeblich bei. Deshalb agiert CHANCE auch auf regionaler Ebene. Meier-Ewert: „Meist wissen die Verbände der einzelnen Länder nicht voneinander. So haben die Unternehmerinnenorganisationen in Südafrika zum Beispiel keine Ahnung, was etwa in Sambia oder Tansania passiert.“

Daher kooperiert CHANCE unter anderem mit der Gender Unit der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft SADC (Southern African Development Community). Diese regionale Organisation mit Sitz in Botsuana mit derzeit 15 Mitgliedsstaaten, will die wirtschaftliche und politische Integration im südlichen Afrika vorantreiben. Das asiatisch-indische Pendant ist die SAARC Chamber Women Entrepreneurs Council (SCWEC), mit der die GIZ ebenfalls zusammenarbeitet. Über CHANCE finden jedes Jahr, je nach Zeitpunkt, eine Summer Academy oder Winter School statt. „Dazu laden wir verschiedene Unternehmerinnenverbände aus diesen Dachorganisationen ein, bieten Trainings zu Themen, die gefragt sind, darunter Strategic Planning, Financial Management oder Leadership“, so Meier-Ewert. Auch der Praxisbezug ist sehr wichtig. Deshalb schildern Unternehmerinnen ihre Erfahrungen und geben Tipps, etwa, wie man Mitglieder gewinnt und behält oder wie man sich als Unternehmerin effektiv vernetzt.

CHANCE will die Wirtschaftsverbände auch mit Deutschland und damit international ins Gespräch bringen. So besteht unter anderem ein enger Kontakt zum Deutschen Unternehmerinnenverband VDU. „Außerdem versuchen wir den internationalen Dialog anzukurbeln, indem wir Unternehmerinnenverbände nach Deutschland einladen, wo sie an Konferenzen oder Messen teilnehmen, um beispielsweise etwas über Selbstpräsentation und Marketing zu lernen“, so Meier-Ewert.

Eine größere wirtschaftliche Macht von Frauen soll sich in den Entwicklungsländern langfristig auch politisch niederschlagen. Zum Beispiel, indem gesetzliche Grundlagen geschaffen werden, die den Unternehmerinnen den Gang in die Selbständigkeit erleichtern. „In einigen Ländern sind die Frauen bereits sehr gut vernetzt. Wir wollen mit unserer Arbeit erreichen, dass die Verbände in Staaten, in denen das noch nicht so ist, mutiger werden, sich mehr durchzusetzen. Dringt erst der Dialog zwischen Verbänden und Frauen hoch in die politischen Entscheidungsebenen, ist das allein schon eine Gewähr für einen Erfolg, der positive Auswirkungen haben wird.“

Wirtschaftlicher Aufschwung mit Qualitätsstandards

Ob Verpackungsgrößen, Materialien oder Herstellungsabläufe: Viele Prozesse der Produktionskette sind mittlerweile standardisiert. Diese Normen sollen den internationalen Handel vereinfachen und Handelsbarrieren abbauen. Staaten, die sich internationale Absatzmärkte erschließen und konkurrenzfähig sein wollen, müssen sich also danach richten. Doch viele Schwellen- und Entwicklungsländer sind noch nicht an dieses internationale Normensystem, das ihre Wirtschaft nachhaltig ankurbeln könnte, angeschlossen.

Die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) konzipierte, verfasste und veranstaltete daher in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Normung (DIN) erstmals den Blended-Learning-Kurs „Quality Infrastructure for Sustainable Developement“ (QuISP). Dafür bot Global Campus 21 die geeignete Plattform. Die PTB konnte zudem auf die technische Betreuung sowie das reichhaltige E-Learning-Wissen von InWEnt zurückgreifen.

Der Kurs richtete sich vor allem an Teilnehmer aus der Karibik und Afrika in zentralen politischen und wirtschaftlichen Positionen. Das Ziel: Die ökonomische Bedeutung von Normen, technischen Regeln und weiteren Elementen der Qualitätsinfrastruktur zu erläutern sowie deren Dimension im Kontext von Handelsfragen zu vermitteln, so die PTB. Dieses Wissen können sie mit in die Verhandlung von Wirtschaftspartnerschaftsabkommen nehmen.

Die Europäische Union (EU) hat unter anderem mit der Karibikregion ein Economic Partnership Agreement (EPA) geschlossen. Es ist ein Abkommen zur Handelsliberalisierung zwischen EU und AKP-Staaten, in der Mehrzahl ehemalige europäische Kolonien in Afrika, der Karibik und im Südpazifik. Mit der Kenntnis über den Wert und die Bedeutung von Normen, technischen Regeln und Qualitätskriterien können die Teilnehmer sich verstärkt in die Verhandlungen einbringen.

„Technologie und nachhaltige Entwicklung sind entscheidend für Suriname als Entwicklungsland, dieser Kurs hat mir wichtige Impulse gegeben“, erklärt Teilnehmer Ginmardo Kromosoeto, dortiger Minister für Arbeit und Technologie. Besonders interessant seien dabei die Bedeutung von Normen und technischen Regeln im Handelskontext und die Wichtigkeit der Kalibrierung von Messinstrumenten gewesen. „Nicht nur Surinames führendes Unternehmen für Elektrotechnik, Multi Electrical Systems, das eine Vorreiterstellung in unserem Land hat, profitiert davon. Durch die Umsetzung der Normen können wir generell unsere Aktivitäten mit anderen Firmen in der Karibik und Europa besser ab- und angleichen.“

Gruppendiskussionen und Media-Wiki

QuISP startete mit einem Workshop in Guyana. Ein halbes Jahr lang fand dann der tutoriell betreute Online-Kurs statt, und zur Abschlussveranstaltung trafen sich die Teilnehmer in Braunschweig und Berlin. Das Besondere: Die Beteiligten wurden während der Online-Phase durch Fachexperten der PTB und des DIN betreut. Die themenspezifischen Gruppendiskussionen förderten nicht nur den Fachaustausch, sondern auch die regionale Netzwerkbildung.

Außerdem entwickelten die Kursteilnehmer während der Online-Phase Inhalte für eine Media-Wiki Applikation, die auf dem GC21 verfügbar ist. Darin sollten sie einen Überblick über den Entwicklungsstand von Standardisierungsverfahren in ihren jeweiligen Ländern geben. Die dazu nötigen Informationen holten sie vor Ort bei den jeweiligen Ansprechpartnern in Firmen und Institutionen ein: Der erste Schritt, um dauerhaft wichtige Kontakte und Netzwerke zu knüpfen. Diese Wiki-Beiträge zeigten, dass einige dieser Länder noch nicht über eine nationale Normungsinstitution verfügen. Zudem müssen dort auch wesentliche Eckpfeiler der Qualitätsinfrastruktur entwickelt und unterstützt werden.

Häufig mangelt es auch an anderen Grundvoraussetzungen. „Das Bildungsniveau in Haiti ist sehr gering, es wird wenig konsumiert und die politischen Verhältnisse sind instabil“, erklärt Teilnehmer Serge Richard Petit-Frere, Marketing and Quality Director bei der Société Financière Haitienne de Dévelopement (SOFIHDES), der einzigen privaten Entwicklungsgesellschaft Haitis. „Es mangelt an qualifizierten Kräften und kompetenten Entscheidungsträgern in Schlüsselpositionen.“ QuISP habe dem 33-Jährigen aber Konzepte zur Etablierung von Standards und Qualität vermittelt, die er in seiner beruflichen Praxis umsetzen könne. „Der Kurs ist ein erster Schritt zur Einführung von Standards und Qualität in der Karibikregion. Doch Haiti hat noch einen langen Weg vor sich.“

[PTB: Informationen und Veröffentlichungen]