GIZ-Programm ComoVoMujer: Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika bekämpfen

Jedes Jahr, am 25. November, wird der Internationale Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen, um an die brutale Ermordung der Mirabal Schwestern 1960 in der Dominikanischen Republik zu erinnern. Es ist kein Zufall, dass dieser Gedenktag während der ersten feministischen Bewegungen in Kolumbien im Jahr 1981 ausgerufen wurde: Latein Amerika ist nach wie vor ein Kontinent, der extrem gewalttätig gegen Frauen ist. Die Zahlen in dieser Region schockieren: Zwischen Januar und Dezember 2010 verzeichnet Peru offiziell 130 Tötungen von Frauen; in Bolivien registrierte das Manuela Observatorium im Jahr 2011 insgesamt 157 so genannte Femizide, und 97 Fälle waren es im Folgejahr. In Quito, Ecuador, ist zwischen 2000 und 2006 von 1831 getöteten Frauen die Rede. Drei bis fünf von zehn Frauen, die in Peru, Ecuador, Bolivien und Paraguay leben sind unmittelbar Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Der III International Report on Gender Violance vom Institute of Studies on Violence Reina Sofia der International University Valencia (CIU), der die geschlechtsspezifische Gewalt in 45 Ländern zwischen 2000 und 2006 analysiert und vergleicht, ergab, dass sich elf von 14 Ländern, in denen die Femizid-Rate über dem internationalen Durchschnitt liegt, in Lateinamerika befinden; Bolivien und Paraguay sind dabei diejenigen, mit der höchsten Gewaltrate.

Gemäß der UN Women leben 603 Millionen Frauen noch in Ländern, in denen häusliche Gewalt nicht als Verbrechen angesehen wird. Latein Amerika und die Karibik zählen dabei zu den fortschrittlichsten Regionen: Die meisten lateinamerikanischen Länder haben die Belém Do Para Konvention angenommen, die speziell dafür entwickelt wurde, Gewalt gegen Frauen zu verhindern, zu bestrafen und abzuschaffen. Und diese Länder setzen auf eine Rechtsprechung, die geschlechtsspezifische Gewalt als eine Verletzung der Menschenrechte ansieht. Doch die oben genannten Zahlen zeigen eben auch, dass die Kluft zwischen Gesetz und Realität enorm ist. Um eine Veränderung zu bewirken, genügt es nicht, darauf hinzuwirken, dass das Gesetz angewendet wird, sondern es müssen ebenfalls sozio-kulturelle Veränderungen erfolgen.

Darüber hinaus manifestiert sich geschlechtsspezifische Gewalt über die Grenzen von Kultur, Schichten oder Nationalität hinaus, wie multiethische und multikulturelle Gesellschaften, wie sie es in Lateinamerika gibt, beweisen. Es ist vielmehr ein Problem, das auf strukturelle und historisch bedingte ungleiche Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau basiert. Es nimmt Gestalt an in Gesellschaften, die zutiefst geprägt sind von Patriarchat, Diskriminierung und Rassismus.

Der Einfluss von stark konservativen Äußerungen der örtlichen katholischen Kirche, die soziale und institutionelle Akzeptanz, durch die sich geschlechtsspezifische Gewalt eingebürgert hat, sind nur einige der Faktoren, die ein Entgegenwirken verhindern. Zudem neigen die Berichte darüber dazu, die Größe des Problems zu unterschätzen, aufgrund fehlender Informationen zu dem Thema. Denn häusliche Gewalt wird häufig geheim gehalten und von den Opfern verschwiegen. Es ist keine leichte Aufgabe, diese Frauen aus der Isolation und aus ihrem Schweigen heraus zu holen, insbesondere in Ländern mit hauptsächlich ländlicher und indigener Bevölkerung.

ComVoMujer, ein Programm der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, ist der ambitionierte Versuch, diese Situation zu ändern. Es wurde speziell mit dem Ziel entwickelt, sich auf die Bedürfnisse von indigenen, afroamerikanischen Frauen, die in ländlichen Gebieten von Bolivien, Ecuador, Paraguay und Peru leben, einzustellen. ComVoMujers möchte eine Veränderung in der Mentalität erreichen, um diese Frauen vor geschlechtsspezifischer Gewalt schützen zu können und diskriminierende Handlungen, basierend auf Vorurteilen und negativen Klischees, abzuschaffen.

Die Aktionen und Maßnahmen, die als Teil des Programms erarbeitet wurden, verfolgen eine doppelte Strategie: Es sollen einerseits Kapazitäten entwickelt werden, die für die Handelnden relevant sind. Andererseits ist das Ziel, regionale Verträge und nationale Aktionspläne gegen geschlechtsspezifische Gewalt über örtliche finanzielle Hilfen und Unterstützung effektiv durchzusetzen. Dies umfasst auch die Verbesserung öffentlicher und nicht-öffentlicher Dienstleistungen in ländlichen Gebieten sowie die Förderung einer unternehmerischen Kultur, um aktiv gegen Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz vorzugehen.

Ein zentraler Aspekt des Programms ist sein Ansatz zur Förderung von Zusammenarbeit und Partizipation, bei dem „die drei wichtigsten Stützen einer Gesellschaft“, Staat, privater Sektor und nicht-staatliche Organisationen, direkt mit einbezogen werden, um gemeinsam die gesteckten Ziele zu erreichen, wie Christine Brendel, Regionalleiterin des Programms, erklärt. „ComVoMujer basiert auf der Idee, dass nur über die Zusammenarbeit ein so multidimensionales Problem wie genderspezifische Gewalt effektiv und wirksam angegangen werden kann, da seine Lösung unbedingt das Bemühen aller Beteiligten bedarf.“ Für Brendel liegt die oberste Priorität daher darin, eben diese Zusammenarbeit über bestimmte Aktionen zu fördern, die die Beteiligten zusammenbringen, den Dialog und Austausch ermöglichen und die Bildung von Netzwerken voranbringen.

Diese Kooperation findet auf verschiedenen Ebenen statt: Auf nationaler Ebene, unter den zuvor erwähnten Akteuren in den verschiedenen Ländern, auf regionalem Level unter den beteiligten Ländern und auf internationaler Ebene zwischen Deutschland und den involvierten Staaten. ComVoMujer agiert dann als Plattform für einen Süd-Nord-Wissensaustausch. Das Programm, technische Unterstützung und Leistungserbringer für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), bringt seine Erfahrungen ein, systematisiert diese und stellt sie dem deutschen Staat zur Verfügung.

Was das Fehlen von staatlichem Schutz für die Opfer von genderspezifischer Gewalt in diesen Ländern angeht, zeigt ComVoMujer, dass noch viel getan werden muss, und setzt dabei ein breites Spektrum sektorübergreifender Maßnahmen auf allen Ebenen um: So wurden mit Vertretern der Industrie im Rahmen des Programms Abkommen geschlossen, in denen sie sich verpflichten, Gewalt gegen Frauen am Arbeitsplatz zu bekämpfen. Zudem hat man Trainingskurse für das Personal in den verschiedenen Einrichtungen der Strafverfolgungsorgane eingerichtet, darunter Polizeistationen, wie die Famliy Protection Brigades von Bolivien, Schutzeinrichtungen für Frauen, Gerichte sowie die Büros der Bezirksstaatsanwälte. Auch Dialog- und Begegnungsprogramme mit lokalen Organisationen wurden geschaffen. Es gab Informationsstände, Möglichkeiten der Rechtsberatung wurden eingerichtet sowie Präventions- und Förderaktivitäten in den Kommunen vorgestellt. In Kooperation mit verschiedenen Frauenorganisationen bekamen Gesetzgebungsprojekte die nötige Unterstützung und Öffentlichkeit und Informationskampagnen auf lokaler und nationaler Ebene wurden entwickelt und gefördert. Dies sind nur einige wenige Beispiele der vielen Aktivitäten und Maßnahmen des Programms.

Ein Beispiel dafür, in welcher Weise sich ComVoMujer auf die indigene Bevölkerung konzentriert ist das audiovisuelle Dokument „Voces de dignidad“, das die Sunu Group für interkulturelles Handeln in Paraguay gerade fertig gestellt hat und das auf ihren Forschungen zu Gender-Wahrnehmung und der Beschäftigung mit Fragen der Gewalt in verschiedenen Gemeinschaften von Ureinwohnern basiert. Mariana Franco, Mitglied der Sunu-Gruppe und beteiligt an den Forschungen, erklärt, dass die Ureinwohner-Gemeinschaften Paraguays dabei zum allerersten Mal überhaupt zu Gender-Aspekten befragt wurden und dass das gesamte Gesprächsmaterial, darunter viele Stunden Interviews, aufgezeichnet wurde.

Als die Gender-Diskussion einmal eröffnet war, kam in allen Fällen das Thema Gewalt auf, ohne Ausnahme, wie Franco berichtet und betont, dass „100 Prozent der Frauen von einem Fall von Gewalt in ihrer jeweiligen Gemeinschaft berichten konnten.“ Unter anderem betont sie, dass die Frauen beklagten, dass ihre Stimmen nicht gehört würden und dass sie dies als eine Form von Gewalt empfinden. „Auch wenn es eine Form der Mitbestimmung gibt,  werden ihre Stimmen nicht berücksichtigt.“ Ausgelöst durch die Interviews und die Diskussion über Gender-Belange zeigten die Frauen ein enormes Bedürfnis, mehr über ihre Rechte zu erfahren. Die Forscher stellten fest, dass es konkrete Nachfragen nach Schulungen zu diesem Punkt gab. Franco verwies auch auf das Fehlen staatlicher Maßnahmen in Bezug auf die Bedürfnisse von Frauen in isolierteren Regionen dieser Länder.

In der Konsequenz müssen diese Frauen auf kommunale, gemeinschaftliche Gerichtsinstanzen zurückgreifen, doch das ist nutzlos, wie die Frauen erklären: Die Koexistenz von zwei Justizsystemen bedeutet, dass Opfer oft rechtliche Hilf suchen, aber am Ende von beiden Systemen erneut zu Opfern gemacht werden. Denn die kulturellen Normen und kommunalen Rechtssysteme indigener Gemeinschaften unterscheiden sich sehr von den offiziellen Stellen. Dies ist eine der vielen ungelösten Aufgaben, die der Staat angehen muss. Er muss die verschiedenen interkulturellen Regeln angleichen, in verschiedenen Sprachen, um auf die kulturellen und linguistischen Realitäten dieser Länder einzugehen. Und er muss kommunale Projektleiter schulen, die rechtlichen Rat und Informationen zum Thema Frauenrechte zur Verfügung stellen.

ComVoMujer bezieht auch den privaten Sektor mit ein. Denn gendermotivierte Gewalt verhindert eine persönliche ökonomische Entwicklung und damit auch die Entwicklung der Wirtschaft der Region, erklärt Christine Brendel. „Sobald ein Geschäftsmann oder eine Geschäftsfrau sieht, welche Auswirkungen Gewalt gegen Frauen auf ihr eigenes Geschäft hat, verpflichten sie sich, aktiv zu werden für mehr Selbstbestimmung im Rahmen ihrer sozialen unternehmerischen Verantwortung.“ Dies war der Fall bei der Blumenzucht in Ecuador: Dort nahmen Unternehmen gendermotivierte Gewalt-Indikatoren in den Flor-Ec Certification Process auf, schulten ihr Personal und etablierten Wege kritischer Unterstützung, um in Krisensituationen öffentliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Ähnliche Fortbildungslehrgänge wurden in 21 öffentlichen Wasserverteilungssystemen und bei der Fischerei Gesellschaft TASA in Peru durchgeführt.

Der Erfolg von ComVoMujer ist daran messbar, wie sehr Fähigkeiten und Tools bereitgestellt und gestärkt werden, inwieweit in der Region gemeinsame Maßnahmen durchgeführt und angenommen sowie innovative Ansätze generiert werden, um die Gewalt gegen Frauen in den teilnehmenden Ländern zu verringern. Christine Brendel betont, dass die technische Unterstützung des Programms und die Arbeitsprozesse zu mehr Transparenz und einer größeren, wichtigen Wahrnehmung des Themas in der Region geführt haben. Ein Beleg dafür war, dass geschlechtsspezifische Gewalt erstmals in das „Konzept für Lateinamerika“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aufgenommen wurde. Die Erfahrungen und Beispiele, die ihren Ursprung in dem Programm haben, könnten für andere Regionen wichtig sein und damit internationale Zusammenarbeit zu erweitern: Das deutsche Ministerium setzt diese Kompetenzen, nachgewiesenen Beispiele und das gesamte Material dafür ein, um innovative Strategien für künftige Gender-Violence-Projekte zu definieren.